No sports? No way! – Add-on: Verletzt, geheilt und dann?

Eine Sportverletzung, der langwierige Heilungsprozess und was das mit den Themen Wahrnehmung und positiver Psychologie zu tun hat.

Die Vorsätze zum neuen Jahr sind nach langem Zaudern angelaufen, das Training funktioniert gerade so richtig gut und dann passiert es. Man verletzt sich. Wie ätzend.

Und jetzt?

Es beginnt eine Mischung aus Rätselraten um Ursache, Natur und Folgen der Verletzung und die geeigneten Behandlungsmaßnahmen. Ist es eine Zerrung oder doch schon ein Muskelfaserriss? Wie konnte das passieren. Eigentlich war man doch aufgewärmt. Oder man ist gestolpert. Ist das ein normaler blauer Fleck oder doch schon eine handfeste Prellung, die sich da ausprägt? Wie damit umgehen?

Manchmal kommt es sogar noch schlimmer. Birgit hatte gerade mit dem Tennissport begonnen und schon passierte es: in vollem Elan dem Ball hinterher und sie stürzt und bricht sich Hand und Fuß. Und das auch noch diagonal. Muss man erst mal schaffen!

Bei einer Prellung oder Zerrung kommt schnell die Idee auf, man sollte die Stelle mit Eis kühlen. Dazu passend gibt es die P-E-C-H-Regel:

  • Pause
  • Eis
  • Compression
  • Hochlagern

Zumindest für den Teil mit dem Eis stimmt die Regel aber nicht mehr. Die neuere sportwissenschaftliche Forschung zeigt uns, dass ein herunterkühlen der verletzten Stelle eher den Heilungsprozess deutlich verlangsamt, als ihn zu beschleunigen.

Das liegt unter anderem daran, dass weniger Zytokine (Proteine, die den Wundheilungsprozess einleiten und steuern) produziert und bestimmte Immunzellen weniger aktiv werden.

Auch bei Brüchen ist die Idee einer initialen Kryotherapie (Kältetherapie) umstritten, da wissenschaftlich keine signifikante Linderung oder Verkürzung einer Schwellung nachgewiesen werden kann. Unbestritten ist die Notwendigkeit für ein bildgebendes Verfahren zur Bestimmung der Schwere der Verletzung und anschließender Behandlung. Sollte die Schwellung stark schmerzhaft sein, kann ein stützender Verband oder eine schmerzlindernde Salbe hilfreich sein. Im Zweifelsfall sollte hierzu aber ein Arzt konsultiert werden. Jedoch ist es wichtig zu verstehen, dass eine Schwellung nur ein Symptom und nicht das eigentliche Problem ist. Als Symptom hat sie, ähnlich wie Fieber, aber auch einen positiven Aspekt.

Nachdem sich Birgit nun also mit Schiene an der Hand und Gips am Fuß wieder auf dem Weg der Besserung befand, stellte sich bereits die Frage nach dem „Wie geht’s weiter?“. Im Normalfall bekommt man ein paar (oder ein paar mehr) physiotherapeutische Anwendungen, ein bisschen Krankengymnastik und wenn fast nichts mehr weh tut, wird man entlassen. Eine Praxis, die leider in vielen Fällen ihre Tücken mit sich bringt, da es bei einigen Verletzungen nicht mit den Standardleistungen getan ist.

Wie sähe also der perfekte Verlauf aus?

Optimalerweise wird die Rehaphase bereits vor abgeschlossener Heilung eingeleitet. Dazu gehören leichte Bewegungen im Bereich des Möglichen, um das System in Gang zu halten. Gegebenenfalls noch eine Lymphdrainage, um eine Schwellung abzubauen. Exakt so, sah auch die Behandlung im Fall von Birgit aus. Darüber hinaus lässt sich aber noch deutlich mehr machen. Sehr gute Ergebnisse lassen sich zum Beispiel mit kontralateralen Bewegungen des gleichen oder des „gegenüberliegenden Gelenks“ erreichen. Ist die linke Hand gebrochen, sollte die rechte Hand in die Pflicht genommen und trainiert werden. Durch die neuronale Verbindung zwischen dem linken Handgelenk und dem Sprunggelenk des rechten Fußes als „gegenüberliegendem Gelenk“ macht auch hier ein Training viel Sinn. In Birgits speziellem Fall wäre das nicht möglich gewesen- aber das war schon wirklich sehr ungünstig gelaufen.

Ist die erste Rehaphase abgeschlossen und der Bruch wieder verheilt, sollte in der nächsten Phase ein gezieltes Aufbautraining stattfinden, das Kraft aufbaut, aber auch spezifisch auf die alltäglichen Belastungen vorbereitet. Dazu müssen Belastungen durchgeführt oder diese nachgeahmt werden, die auch im Alltag vorkommen. Tragen gehört zum Beispiel dazu. Stützbelastungen und, besonders im Bereich der Beine, mehr oder weniger abrupte Drehbewegungen mit steigender Intensität.

In diese Phase passt auch die Frage, warum der Unfall passiert ist. Über die Bewegung hinaus ist es die Hauptaufgabe unseres Gehirns, uns in jeder Situation in Sicherheit zu halten. Klappt das nicht, sollte das Warum ergründet werden. Haben die Augen das Hindernis nicht gesehen, hat das Gleichgewicht ein falsches Bild der Lage des Körpers abgegeben oder hat die Propriozeption (also die Eigenwahrnehmung des Bewegungsapparats wie Spannung und Position der Gelenke in sich und zueinander) nicht akkurat gemeldet, wo sich Füße, Beine, Hände oder Arme befinden? Selbst bei Verletzungen mit Fremdeinwirkung kann eine „unterlassene Hilfeleistung“ des Gehirns ein Grund für die Schwere der Verletzung sein. Und das gilt es für künftige Situationen zu verhindern. In Birgits Fall war es zum Beispiel ein Training der Augenbewegung und der peripheren Wahrnehmung, dass sie in Zukunft sicherer halten soll.

Darüber hinaus macht es Sinn, auch die frisch geheilten Stellen neuronal zu rehabilitieren. Häufig nehmen frisch Genesene viel länger eine Schonhaltung ein, als das aufgrund der Verletzung eigentlich nötig wäre. Nachvollziehbarer Weise bleibt noch lange das Gefühl zurück, man könnte seinem Körper nicht mehr voll vertrauen. Auch im Gehirn sind die betroffenen Stellen als traumatisiert vermerkt. Dadurch kann man sich häufig weniger schnell oder weniger kraftvoll bewegen oder die Beweglichkeit wird durch das Gehirn eingeschränkt, da der gerade geheilten Stelle noch keine volle Funktionalität attestiert wird. Die Folge können dauerhaft eingeschränkte motorische Abläufe oder Folgeschäden aus den Schonhaltungen sein.

Und genau hier lässt sich mit Hilfe eines neurozentrierten Trainings ansetzen, in dem es darum geht, die Sensorik wiederaufzuarbeiten und dem Gehirn ein positives Gefühl für die eigene Arbeit und für den Körperteil zu vermitteln. Interessanterweise kann hier, anders als zum Beginn der Verletzung, Eis als Kältereiz in Kombination mit einem Wärmereiz, viel Gutes für die neurologisch sensorische Wahrnehmung tun. Auch so genannte „Soft touch“-Techniken (leichte Berührungen zur Stimulation bestimmter sensorischer Rezeptoren) oder die gezielte Resensibilisierung vernarbter Stellen können hilfreich sein, da dies die Informationslage des Gehirns über den Körper verbessert. Die Möglichkeiten sind dabei (leider) fast so vielfältig wie das Gehirn komplex ist.

Was bleibt also abschließend festzuhalten?

Birgit hätte sich am besten vor ihrem Tennis-Abenteuer sportartspezifisch auf die Belastungen vorbereiten sollen. Das gilt für jeden Menschen. Ungewohnte Belastungen bergen ein höheres Verletzungsrisiko. Es macht Sinn Augen, Gleichgewicht und Propriozeption als die drei wichtigsten sensorischen Systeme des Körpers regelmäßig zu trainieren und darüber hinaus generell in Bewegung zu bleiben.

Ist das Kind in den Brunnen gefallen und die Verletzung passiert, sollte die Heilung nicht nur auf biomechanischer, sondern auch auf neuronaler Ebene gefördert werden. So können unerfreuliche Folgeschäden oder Langzeitfolgen vermieden und der Spaß am Umgang mit dem eigenen Körper wieder voll hergestellt werden.

Dieser Blogartikel ist eine Serie zum Thema „No sports? No way!“.

Quellen:
(N. E. Bringeland, Mythos Kryotherapie: Väterchen Frost kann in Rente gehen, physiopraxis 2018; 16 (1); S. 36–38)

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