No sports? No way! – Teil 2: Die Klischeefalle

Eine Sportverletzung, der langwierige Heilungsprozess und was das mit den Themen Wahrnehmung und positiver Psychologie zu tun hat.

Wir erinnern uns: nach der Stolperfalle auf dem Tennisplatz lag ich auf der Bank, Cola in der rechten, Schmerzen in der linken und so langsam machte sich auch der Fuß bemerkbar.

Und Rettung nahte „Ein Arzt, es ist ein Arzt anwesend.“ schallte es über den Platz.

Halte kurz inne: wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt einige – vielleicht auch du – denken: Logisch, die Chance auf einem Tennisplatz einem Arzt zu begegnen, liegt bei ca. 90%. Klischees rund um Tennis wie „Tennis ist elitär“, der „weiße Sport für die Reichen und Schönen“ sind häufig noch in den Köpfen und auch ich gebe zu: ich hatte ähnliche Bilder im Kopf, meine persönliche Klischeefalle Nr. 1.

Der Arzt nebst Tennis Buddy gesellte sich zu uns und ich freute mich. Fachmännisch wurde ich befragt, was denn los sei und ich versuchte zu vermitteln was passiert war. Er drückte und bog meine Hand zu allen Seiten, ich sah inzwischen Sternchen. Blieb aber dankbar, und unterdrückte einen spontanen Brechreiz. Im Arztsprech murmelte er vor sich hin, ich verstand nichts, war aber tief beeindruckt.

Im Rahmen meiner Möglichkeiten versuchte ich zu vermitteln, dass ich gleich ohnmächtig werde.

Und die sind tatsächlich begrenzt. Ein Psychologe, mit dem ich lange zusammengearbeitet habe, sagte mal zu mir: „Wenn du sagst, dass es dir schlecht geht und dabei grinst wie ein Honigkuchenpferd, ist es kein Wunder, dass dir niemand hilft!“ Ich arbeite diesbezüglich immer noch an meiner Performance. 

Relativ zügig kam sinngemäß folgende Einschätzung: „Alles nicht so schlimm, aber wenn‘s morgen, aber auch wirklich nur wenn’s morgen, immer noch weh tun sollte, dann mal zum Arzt…“.

Nee dachte, ich, da stell ich mich aber auch wieder an.  

Sämtliche Glaubenssätze meiner Kindheit machten sich Luft:

  • „Stell dich nicht so an!“
  • „Das wird schon wieder!“
  • „Da musst du durch!“

Meine Mutter, und ich muss sagen, ich liebe und schätze sie sehr, eine Frau weit entfernt von Helicopter Mum, mehr der Kampfjet unter den Müttern, hatte exakt ein Motto:

Gib Schmerzen keine Chance, Kopf hoch, weiter geht’s, es ist wie es ist, und es gibt Schlimmeres.

Ich bin mir fast sicher, dass ich mich gut gelaunt und fröhlich gegeben habe. Während er meine Hand in alle Richtungen bog und ich kurz dachte „Ich bieg deine Hand gleich auch mal mein Freund“, habe ich sicher dezent „Au“ gemacht, und so Sachen von mir gegeben wie „Ja, das ist schon einigermaßen unangenehm“, statt „HALLO, ICH HALTS KAUM AUS!“ Wie hätte der arme Mensch auch wissen sollen, wie es mir wirklich ging. So viel zu meinem Beitrag an der Gesamtsituation.

Gleichzeitig machte sich aber auch Widerstand breit „Du lustiger Vogel, ich kann meine Hand nicht mehr bewegen?!“ und ich startete einen letzten schüchternen Versuch: „… und mein Fuß…“ Aber da war er auch schon wieder weg.

Eins muss man mal festhalten:
Ein mobiles Röntgengerät hast du jetzt nicht permanent dabei, auch nicht als Arzt. So wenig wie ich in Köpfe schaue, schaut der Mediziner, die Medizinerin qua hellseherischer Fähigkeiten durch Haut und Knochen.

Aber lass uns doch mal schauen, was – nur rein hypothetisch – in seiner Wahrnehmung stattgefunden haben könnte: Wir wissen, dass dieser Tag schon für einige andere nicht der Beste war.

Vielleicht gehörte auch er zu unserem Club der Schlechtgelaunten, wir wissen es nicht. Und dann kommt er und will eigentlich nur Sport machen, vielleicht Frust abbauen, den Tag vergessen, Spaß haben, noch ein paar kurze Meter… aus der Traum: da liegt SIE!

Eine Frau in ihren 50er, blond, dahingegossen auf der Bank, jammernd, mit einem Kaltgetränk in der rechten. Augenscheinlich nicht viel passiert, jö die Hand ein bissel geschwollen, aber bitte, sie spricht und lacht auch noch…

Hand aufs Herz: In welche Klischeefalle könnte man hier tappen? Welches Vorurteil könnte sich grad in deine Gedanken mogeln?

Keine Vorurteile zu haben, ist schlicht nicht möglich.

Oft erzählen uns Menschen im Training oder Coaching, dass sie keine Vorurteile haben. Aber: das ist schlicht nicht möglich. Menschen nehmen wahr, und in der Sekunde fangen wir an zu kategorisieren, zu interpretieren. Nicht umsonst sind Persönlichkeitsprofile sehr beliebt, die uns in Kategorien einsortieren, die uns ein einfaches Bild unserer Persönlichkeit zaubern. Wir müssen Dinge einordnen, d.h. wir urteilen auch.

Bezogen auf unseren Fall:
Ja, auch blonde Frauen, jenseits der 50, sind sportlich, laufen beim Tennis, können sich dabei verletzen und stehen nicht nur Prosecco schlürfend am Spielfeldrand! 

Nur nie den Humor verlieren.

Anekdote am Rande – ein Feedback auf meine Verletzungen und wie es dazu kam, war sehr viel später, leider von einer Person männlichen Geschlechts:

„Echt, ich dachte Frauen können sich beim Tennis nicht verletzen?!“

Das lässt dich sprachlos zurück. Irgendwann frag ich da noch mal nach. 

Learnings für diesen Teil:

Wahrnehmen, Interpretieren und ein Gefühl dazu bekommen – völlig natürliche Vorgänge, die sekundenschnell ablaufen und uns im Alltag helfen, Situationen einzuordnen!

Aber: Überprüfe deine Interpretation, denn du kannst falsch liegen!

Und: Schau auch immer was dein Beitrag ist!

Und für den lieben Arzt gibt’s beim nächsten Mal ein Aperölchen auf mich – komm ein Klischee ist erlaubt – und eine Coaching Stunde gratis!

Inzwischen kam die Idee auf einen Krankenwagen zu rufen.

Ich dachte nur: seid ihr irre, wegen einer harmlosen Verstauchung, auf gar keinen Fall!

Also, Muttern im Ohr, zusammenreißen und aufstehen. Einbeinig hüpfen, kein Problem, wofür macht man schließlich Yoga für die Balance und auf in die Notaufnahme. Denn so viel war inzwischen intuitiv klar: bis zum nächsten Tag warten, war keine Option.

 Im nächsten Teil geht es um „Unterschiedliche Welten.“  | Spaß in der Notaufnahme.
Und als Add On einen kurzen Überblick zum Heilungsprozess.

Dieser Blogartikel ist eine Serie zum Thema „No sports? No way!“.

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